Für proteinreiche Ödeme und nur lokalisierte proteinarme Ödeme ist die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE) – auch Physikalische Ödemtherapie genannt – die Therapie der Wahl. Das sind:
Lymphödem
Phlebödem
Lipödem
orthostatisches Ödem
idiopathisches Ödem
traumatisches Ödem
vasovegetatives Ödem
Inaktivitatsödem
ischämisches Ödem
Die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE) wurde von Földi in den 1970er-Jahren als 4-Säulen-Modell mit diesen vier Säulen beschrieben:
Ab den frühen 2000er-Jahren wird in der Literatur zunehmend auf die Bedeutung der Patientenschulung eingegangen. Spätestens mit den deutschsprachigen Leitlinien zur Lymphödemtherapie (z. B. S2k-Leitlinie, ab 2017) wird die Patientenedukation strukturell als eigenständige Säule beschrieben.
Unter der 5. Säule versteht man heute:
Hintergrund ist die Erkenntnis, dass das Lymphödem eine chronische Erkrankung ist und ohne aktive Mitwirkung der Patienten keine langfristige Stabilisierung möglich ist. Aus diesem Grund hat der 1999 gegründete Verein zur Förderung der Lymphoedemtherapie e.V. 2010 die Patientenzeitschrift Lymphe & Gesundheit initiiert, die vom Lymphologischen Informationsdienst der S & F Dienstleistungs GmbH quartalsweise herausgegeben wird.
Durch die Griffe der MLD werden über Dehnreize
Durch die Verringerung der extravasalen Proteine sinkt der kolloidosmotische Druck (= Sog), wodurch die Filtration von Flüssigkeit aus dem Kapillarbett ins Interstitium reduziert wird.
Der schmerzlindernde Effekt der MLD ist insbesondere in der Behandlung des Lipödems, aber auch in direkten posttraumatischen Phase von große Bedeutung.
Mit MLD-Fibrosegriffen alleine lassen sich indurierte Bereiche kaum lösen. Doch damit kann die noch nicht fibrotisierte Umgebung davor bewahrt werden, ebenfalls zu verhärten. Folglich wirkt MLD primär präventiv bzw. im Frühstadium der Fibrosierung am effektivsten. (nach „Lehrbuch der Entstauungstherapie“, Günther Bringezu und Otto Schreiner (Hrsg.), 5. Auflage, 2020)
Die Wirkung einer von außen auf den Körper angebrachten Kompression ist vielfältig:
Zur bewegungstherapeutischen – aber auch zur prophylaktischen – Behandlung eines Lymphödems ist körperliche Aktivität dringend indiziert. Aktuelle Studien zeigen, dass ein bestehendes Lymphödem durch körperliche Aktivität nicht verschlimmert, sondern Schonung zu einer deutlichen Verschlechterung der Ödemproblematik führt. Kraftorientierte Trainingsinterventionen sind in der Lage durch Beanspruchung der großen Muskelgruppen, die stagnierende interstitielle Flüssigkeit weiterzuleiten. Grundsätzlich gilt, dass jeder Mensch auf körperliche Aktivität anders reagiert; entsprechend müssen Bewegungsprogramme erstellt- und umgesetzt werden. Was ein Ödem verstärkt oder vermindert, kann sehr unterschiedlich sein. Daher können keine allgemeinen Verbote definiert, sondern die Entscheidung muss immer vor dem individuellen Kontext des Patienten getroffen werden. (nach „Lehrbuch der Entstauungstherapie“, Günther Bringezu und Otto Schreiner (Hrsg.), 5. Auflage, 2020)
Die Bewegungstherapie bei Patienten mit Beinlymphödem beschränkt sich zunächst auf eine Haltungs- und Gangkorrektur. Diese ist sehr wichtig, weil bei einem Beinlymphödem alleine schon durch das zusätzliche Gewicht eine Gang- und Haltungsveränderung erfolgt.
Dazu kommt noch die ödembedingte Einschränkung der Gelenkbeweglichkeit. Um vor allem orthopädische Folgeschäden zu vermeiden, muss aus prophylaktischen Gründen bereits in den Anfangsstadien eine Gang- und Haltungskorrektur durchgeführt und ständig kontrolliert werden. Bei Patienten mit lange bestehenden Beinlymphödemen ist zusätzlich zu bedenken, dass das vorrangige Ziel darin besteht, die Gelenkbeweglichkeit zu erhalten bzw. zu verbessern.
Ist das Bein weitgehend entstaut, so dass es sich in der „Erhaltungs- oder Stabilisierungsphase“ befindet und mit einem adäquaten, flachgestrickten Kompressionsstrumpf nach Maß versorgt werden kann, ist auch an geeignete sportliche Aktivitäten angezeigt, wie etwa Nordic-Walking.
Günstig ist ein „Hausaufgabenprogramm“, bestehend aus befundorientierten und nicht zu komplizierten Bewegungsabläufen für die Beine. Es sollte immer dann ausgeführt werden, wenn in täglichen Ruhephasen und Pausen die Beine hochgelagert sind. Werden dabei abstromfördernde Bewegungen unter Kompression (!) ausgeführt, lassen sich mehrere Wirkungen gleichzeitig erzielen.
Für die Bewegungstherapie sind folgende Bewegungsformen bei Menschen mit bestehendem Lymphödem oder einem erhöhten Lymphödemrisiko sehr zu empfehlen:
(nach „Lehrbuch der Entstauungstherapie“, Günther Bringezu und Otto Schreiner (Hrsg.), 5. Auflage, 2020)
Im Gegensatz zu Patienten mit Beinlymphödemen bilden Patientinnen nach Ablatio mammae eine für die Bewegungstherapie besonders beachtenswerte Gruppe. Denn sie neigen dazu, den betroffenen Arm bzw. die gesamte betroffene Seite zu schonen und oftmals sogar unbewusst „ruhig zu stellen“. Ein solches Verhalten ist gerade deshalb beachtenswert, weil der Schultergürtel auf Schonhaltung mit einer ausgeprägten Beweglichkeitsverminderungen reagiert.
Übungen im Wasser bei Temperaturen unter 33-34 °C eignen sich zum Erhalt bzw. der Verbesserung der Beweglichkeit, nicht jedoch für gezielte Mobilisationen. Die bewegungstherapeutischen Möglichkeiten umfassen die gesamte Palette moderner
Krankengymnastischer / physiotherapeutischer Techniken. Abgestimmt auf den Befund und die daraus resultierenden Zielsetzungen sind dies
Anleitung für Patienten (aus „Lymphe & Gesundheit“, Ausgabe 3 / 2022)
Die Übung kann im Sitzen, im Liegen oder auch im Stehen durchgeführt werden. Folglich können Sie sie beliebig oft in Ihren Alltag einbauen. Je öfter, desto besser, selbst wenn es jedes Mal nur ganz kurz ist. Bevor Sie mit der Übung beginnen, müssen Sie den zentralen Abfluss freimachen. Kreisen Sie dazu (im Stehen oder Sitzen) mit den Schultern: abwechselnd vorwärts und rückwärts, beide Schulten „im Gleichschritt“, dann (wie beim Laufen) rechts und links nacheinander. Ihre Arme sollen sich dabei – bequem angewinkelt – im selben Rhythmus mitbewegen. Wiederholen Sie diese Bewegungen einige Male ganz locker und ohne Anstrengung.
Falls Ihnen dabei schwindlig wird, beenden Sie die Übung sofort!
Merke: Eine schlechte Körperhaltung hat eine schlechte Atmung zur Folge.
(nach „Ödeme und Lymphdrainage“, Dr. Ulrich Herpertz, 6. Auflage, 2020 und „Lymphe & Gesundheit“, Ausgabe 3 / 2023)
Periphere arterielle Verschlusskrankheit (paVK)
Die fortgeschrittene paVK ist die wichtigste Kontraindikation für die Kompressionstherapie, wenn einer dieser Parameter zutrifft:
Bei Verwendung unelastischer Materialien kann eine Kompressionsversorgung noch bei einem Knöchelarteriendruck zwischen 50 und 60 mm Hg unter engmaschiger klinischer Kontrolle versucht werden. (Leitlinie Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten, AWMF-Registernummer: 037/005)
Akute Thrombose im Ödemgebiet
Grundsätzlich sollte bei einer akuten Thrombose mindestens 4 Wochen mit der MLD pausiert werden, um eine Organisation des Thrombus abzuwarten, der danach so fest sein dürfte, dass er sich bei der MLD nicht mehr lösen kann. Eine Kompressions-Bandagierung ist auch bei einer akuten Thrombose möglich und auch gewünscht. Bei einer oberflächlichen Phlebitis wird wie bei jeder akuten Entzündung mit der MLD im Bereich der Entzündung pausiert bis die Entzündung abgeklungen ist.
Akute bakterielle und virale Entzündungen im Ödemgebiet
Sowohl bei akuten Entzündungen der Haut (meist Erysipel) als auch der Lymphbahnen oder Lymphknoten sollte die MLD nicht durchgeführt werden, da es zu einer Ausschwemmung der Bakterien oder Viren in den gesamten Körper kommen kann. Eine Bandagierung bei einer akuten Entzündung ist nicht indiziert, da ein Hitzestau die Symptome verstärken würde. In dieser Phase kann die Ödemextremität – neben der obligaten antibiotischen Therapie – lediglich hochgelagert und mit kalten wässrigen Umschlägen gekühlt werden. Nach Abklingen des Fiebers kann wieder mit der MLD begonnen werden, anfangs nur als Abflussbehandlung proximal des Entzündungsgebiets. Danach können die Griffe langsam ins ehemalige Entzündungsgebiet ausgedehnt werden, sofern dabei keine Sachmerzen entstehen. Nach Abklingen der akuten Entzündungen ist eine stundenweise Kompressions-Bandagierung möglich, sofern es zu keinem Hitzestau kommt.
Akute Ekzeme im Ödemgebiet
Bei einem akuten allergischen Kontaktekzem (Erythem mit unscharfer Begrenzung, nässend, mit Ödem, Bläschen, Streuphänomen mit papulovesikulären Effloreszenzen und mit Juckreiz) sollte keine MLD nicht durchgeführt werden. Meist ist dabei auch keine Kompressionsbehandlung möglich.
Alleiniges lokales oder lokoregionales Malignomrezidiv
Bei einem alleinigen lokalen oder lokoregionalen Malignomrezidiv könnte die MLD Tumorzellen über die Lymphgefäße ins Blut ausgeschwemmt und somit Fernmetastasen fördern.
Dekompensierte Herzinsuffizienz
Bei Herzinsuffizienz NYHA I und II sind MLD und Kompressionstherapie uneingeschränkt möglich. In den Stadien III und IV sind sie absolut kontraindiziert. Nach Dekompensation der Herzinsuffizienz (Puls bei moderater Belastung < 110 pro Minute und Atemnot nur bei hoher Belastung), kann MLD anfangs sehr schonend und mit verkürzter Behandlungszeit am Oberkörper zum Einsatz kommen. In den folgenden Behandlungen kann sie schrittweise auf weitere Körperregionen ausgeweitet werden, wobei auch die Behandlungszeit gesteigert werden kann.
Kompressionstherapie nur in Rücksprache mit einem Kardiologen!
Bei engmaschiger Beobachtung durch den behandelnden Arzt kann auch bei einer Herzinsuffizienz der Stadien III und IV eine schonend dosierte KPE angewandt werden. Im Zweifelsfall kann ein raschwirkendes Schleifendiuretikum (z.B. Furosemid), das zwei Stunden vor der Behandlung intravenös verabreicht wird, das vorsichtige Vorgehen unterstützen.
Dialysepflichtige Niereninsuffizienz
Bei Niereninsuffizienz kann zur Behandlung des Lymphödems die MLD und Kompressionstherapie zur Anwendung kommen, sofern kein schwergradiges renales (aufgrund der Niereninsuffizienz entstandenes) Ödem und keine Lungenstauung vorliegen sowie eine ausreichende Urinproduktion gegeben ist.
Bei dialysepflichtigen Lymphödem-Patienten, die kein oder nur ein geringgradiges renales Ödem haben, kann die MLD vor der Dialyse angewandt werden. Dann wird die von der MLD in den Blutkreislauf eingeleitete Lymphflüssigkeit bei der Dialyse mitausgeleitet. Bei einem ausgeprägten renalen Ödem mit Anurie bzw. Oligurie soll die MLD nach der Dialyse gemacht werden, da MLD und Kompression zu einem Lungenödem führen könnten.
Hautveränderung unklarer Ätiologie
Vor der Behandlung mit MLD oder Kompression muss dermatologisch abgeklärt werden, ob die betroffene Region einer Reizsetzungen durch MLD oder Kompressionstherapie ausgesetzt werden darf. Solange dies nicht geschehen ist, sollte man Hautveränderungen stets als Kontraindikation ansehen und auf eine Abklärung drängen. Dies trifft insbesondere für Pigmentflecken (Nävi etc.) und nicht-melanozytäre Papeln zu.
Hyperthyreose oder Struma nodosa
Hier darf die MLD nicht am Hals durchgeführt werden, da dadurch eine verstärkte Ausschüttung von Schilddrüsenhormonen möglich ist und somit die Gefahr einer thyreotoxischen Krise besteht. Dagegen kann ein Arm- oder Beinödem behandelt werden, wenn der vordere Hals dabei ausgelassen wird.
Karotissinussyndrom
Hier darf der seitliche Hals nicht mit MLD behandelt werden, da die Gefahr einer Asystolie (Herzstillstand) durch Druck auf den Karotissinus besteht. Dagegen kann eine Arm- oder Beinbehandlung durchgeführt werden. Bei einer schweren Arteriosklerose der A. carotis darf am seitlichen Hals nur schonend behandelt werden.
MLD-Bauchtiefdrainage
Bei Bauchschmerzen, Übelkeit, Blasen- und Stuhlinkontinenz, Menses, Schwangerschaft, Aortenaneurysma sowie Strahlenschädigung des Darms oder der Blase darf eine Bauchtiefdrainage nicht durchgeführt werden.
Vorsicht mit MLD
Bei Hypotonie kann die MLD den Blutdruck weiter senken, sodass es zu Kreislaufbeschwerden kommen kann. Bei Asthma bronchiale muss bei der MLD eines Armlymphödems vorsichtig vorgegangen werden, weil dadurch eventuell ein Asthmaanfall ausgelöst werden kann. Bei koronarer Herzkrankheit dürfen die Bandagen nicht zu stramm angelegt werden, da es dadurch zur Auslösung von Angina-pectoris-Anfällen kommen könnte.
Phlebödem
Venöse Ödeme entstehen durch eine venöse Hypertonie. Da diese sich bis in die venösen Kapillaren fortsetzt, kommt es insbesondere in den Füßen und Unterschenkeln zu einer verstärkten Filtration von Flüssigkeit ins Interstitium. Solange das Lymphsystem die vermehrt anfallende interstitielle Flüssigkeit abtransportieren kann, bildet sich kein Ödem. Kommt es jedoch zu einer funktionellen Überlastung des gesunden Lymphsystems (lymphodynamische Insuffizienz), dann entsteht ein Phlebödem. (nach „Ödeme und Lymphdrainage“, Dr. Ulrich Herpertz, 6. Auflage, 2020)
Orthostatisches Ödem („Stehödem“)
Dieses bildet sich bei Frauen durch langes Stehen oder Sitzen schon während eines normalen Arbeitstages. Ohne eindeutig sichtbare Ödematisierung entsteht im Lauf des Tages ein zunehmendes Schweregefühl in den Beinen, das sich zum Abend hin zu Spannungsschmerzen verstärken kann. Über Nacht nehmen die Beschwerden wieder ab und die leichten Schwellungen der Beine bilden sich grundsätzlich komplett zurück. Morgens sind die Patientinnen beschwerde- und schwellungsfrei.
Die Basistherapie des orthostatischen Ödems ist die Prophylaxe der Beschwerden durch eine Kompressions-Bestrumpfung der Beine in Kompressionsklasse 2. Je nach Befall kann diese als Kniestrümpfe, Leistenstrümpfe oder Strumpfhose verordnet werden. Falls trotz gut sitzender Bestrumpfung noch Spannungsgefühle auftreten, kann zusätzlich eine Behandlung mit MLD versucht werden. (nach „Ödeme und Lymphdrainage“, Dr. Ulrich Herpertz, 6. Auflage, 2020)
Idiopathisches Ödem
Dessen Hauptsymptom ist ein permanentes Spannungsgefühl infolge Schwellneigung des gesamten Körpers. Morgens ist die obere Körperhälfte (auch Gesicht), am Abend die untere Körperhälfte betroffen. Typisch ist eine deutliche Diskrepanz zwischen der Beschwerdesymptomatik und der Ödematisierung, die meist nicht oder kaum sichtbar oder palpabel ist. Auffällig ist auch eine Ödemzunahme durch Stress, Wärme und klimakterische Hitzewallungen.
Fakultative Symptome des idiopathischen Ödems sind Erschöpfbarkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, verstärktes Schlafbedürfnis, Konzentrationsschwäche, verschlechtertes Hören, Kopfdruck, Augendruck, Augentränen, Luftnot bei Belastung und psychischer Leidensdruck. Der psychische Leidensdruck wird oft noch dadurch verstärkt, dass die Patienten sowohl von Ärzten als auch Mitmenschen wegen des nicht erkannten Krankheitsbilds als psychogen eingestuft werden. Das idiopathische Ödem tritt frühestens in der Pubertät auf, meist aber erst perimenopausal um das 40. Lebensjahr, und es verschwindet um das 60. Lebensjahr. (nach „Ödeme und Lymphdrainage“, Dr. Ulrich Herpertz, 6. Auflage, 2020)
Traumatisches Ödem
Dieses entwickelt sich unmittelbar nach dem Trauma am Ort der Verletzung und bildet sich spontan nach Tagen bis Wochen zurück. Pathophysiologisch entspricht es einem entzündlichen Ödem. Traumatische Ödeme entstehen relativ häufig und sind daher ein wichtige Indikation für die Physikalische Ödemtherapie.
Obwohl dieses Ödem auch spontan zurückgehen würde, kann die Physikalische Ödemtherapie einer stärkeren Ödembildung vorzubeugen oder um eine schnellere Ödemrückbildung, eine Verminderung der Schmerzen, eine Verminderung des Infektionsrisikos, eine Förderung der Wundheilung und eine schnellere Arbeitsfähigkeit erzielen. Die Therapie im Akutstadium erfolgt nach dem folgenden ELCH-Schema: Eis (Kühlung), Lymphdrainage, Compression und Hochlagerung. Wenn keine lokale Blutungsgefahr mehr besteht, können zusätzlich nichtstereoidale Antiphlogistika (z. B. Diclofenac, Ibuprofen) zur Reduzierung entzündlicher Reaktionen genommen werden. (nach „Ödeme und Lymphdrainage“, Dr. Ulrich Herpertz, 6. Auflage, 2020)
Vasovegetatives Ödem
Deren Ursache ist eine zentral getriggerte Fehlregulation des vegetativen sympathischen Nervensystems, die unter anderem zu einer Veränderung des Gefäßtonus der Arteriolen sowie im Kapillar- und Venolenbereich führt. Folgende Formen des vasovegetativen Ödems können unterschieden werden:
Die Basistherapie ist die Schmerzbehandlung mit zentral und peripher wirkenden Analgetika, die zu einer Reduzierung des erhöhten Sympathikotonus führen sollen, eventuell auch lokale Sympathikusblockaden. Die peripheren Analgetika sollten auch eine antiphlogistische Wirkung haben. Weiterhin sind neben Ruhigstellung, Elektrotherapie oder Krankengymnastik auch Behandlungen mit MLD sinnvoll, weil durch eine Ödemreduktion die Schmerzsymptomatik und die Gewebsernährung gebessert werden kann. Anfänglich darf MLD nur als zentrale Abflussbehandlung durchgeführt werden. Sobald sich die Schmerzsymptomatik im Ödemgebiet bessert, kann auch das Ödem selbst vorsichtig behandelt werden. Wegen der starken Schmerzhaftigkeit können die Kompressions-Bandagierungen nur sehr locker angelegt werden, manchmal nur mit elastischen Mullbinden. Die MLD ist dann besonders wirksam, wenn sie sehr früh eingesetzt wird. Der Krankheitsverlauf kann dadurch verkürzt werden. Bei Besserung der Schmerzen kann ein Kompressionshandschuh oder -socken in KKL. 1 benutzt werden. (nach „Ödeme und Lymphdrainage“, Dr. Ulrich Herpertz, 6. Auflage, 2020)
Inaktivitatsödem („Lähmungsödem“)
Dieses tritt sowohl bei spastischer als auch bei schlaffer Parese auf, bevorzugt bei letzterer. Die dabei bestehenden neurologischen Erkrankungen sind z. B. multiple Sklerose, Poliomyelitis, angeborene Parese, Querschnittlähmung oder Apoplex. Das Ödem tritt meistens erst Wochen bis Monate (evtl. Jahre) nach Beginn der Lähmung vor allem an den Beinen auf. Beim Apoplex ist es typischerweise einseitig und kann dann den Arm und / oder das Bein betreffen. Ein Lähmungsödem tritt allerdings nicht bei jeder Lähmung auf, sondern nur bei einem Teil der Betroffenen, z.B. entwickeln nur 12 Prozent aller Hemiplegiker ein Handödem. Hierher gehört auch das arthrogene Stauungsödem der Beine infolge mangelnder Muskelpumpfunktion bei Gelenkversteifungen.
Pathophysiologisch dürfte die Hauptursache eine gestörte Entleerung der Lymphkapillaren (Lymphtransportstörung) durch die fehlenden schnellen interstitiellen Druckanstiege sein, wie sie die Muskeltätigkeit normalerweise bewirken ( Kap. 2.2.2). Dies wiederum verhindert ein weiteres Einströmen interstitieller Flüssigkeit in die Lymphkapillaren (Lymphbildungsstörung). Es kommt somit bei normaler Filtration zu einer Vermehrung der interstitiellen Flüssigkeit, zum Ödem. Weiterhin werden durch die fehlende Muskelaktivität auch die Präkollektoren und Kollektoren nicht genügend zu Eigenkontraktionen angeregt, die Lymphvasomotorik ist reduziert (Lymphtransportstörung). Der venöse Rücktransport ist ebenfalls durch die fehlende Muskelpumpe vermindert, weswegen die gelähmten Extremitäten oft zyanotisch aussehen. Infolge des verminderten Abtransports der interstitiellen Flüssigkeit wird das Ödem zunehmend proteinreich und entspricht nach Jahren einem Lymphödem, obwohl die Lymphgefäße organisch nicht geschädigt, sondern nur funktionell gestört sind. Bei kompletter Lähmung (Paralyse) kann sogar ein Muskelödem entstehen, da die Lymphe nicht ausreichend zum oberflächlichen Lymphsystem abgepresst werden kann.
Die Behandlung besteht aus Krankengymnastik (KG) und Physikalische Ödemtherapie. Die Kompressions-Bandagierungen dürfen nur locker angelegt werden, da die Muskelkraft als Gegendruck fehlt. Bei Sensibilitätsstörungen besteht ein hohes Risiko von Druckschädigungen der Haut in Form rötlicher Druckstreifen und -blasen, sodass der Bandagendruck anfangs sehr niedrig sein muss und nur langsam gesteigert werden darf. Entsprechend dürfen auch Kompressions-Bestrumpfungen nur in niedriger Kompressionsklasse eingesetzt werden: bei kompletter Paralyse die KKL. 1, bei einer Restmuskelfunktion die KKL. 2. Eine apparative Behandlung mit einer Intermittierenden Pneumatischen Kompression (IPK) ist mit geringem Druck meist möglich. Wenn möglich sollten die Extremitäten in der Kompression eventuell durch Familienangehörige passiv durchbewegt werden, um dadurch den Lymphabfluss zu fördern. (nach „Ödeme und Lymphdrainage“, Dr. Ulrich Herpertz, 6. Auflage, 2020)
Ischämisches Ödem
Die Endothelzellen der Blutkapillaren benötigen Sauerstoff und Nährstoffe, um ihre Dichtigkeit zu gewährleisten. Unter Sauerstoff- und Nährstoffmangel, also bei verminderter arterieller Durchblutung, kommt es durch Abrundung der Endothelzellen zu einem Verlust dieser Dichtigkeit, die Kapillarwände werden durchlässiger, die Kapillarpermeabilität steigt. Das ischämische Ödem kann in folgende Formen eingeteilt werden:
Die Behandlung der arteriellen Durchblutungsstörung muss gefäßchirurgisch, durch Gehtraining oder medikamentös erfolgen. Die Behandlung des begleitenden ischämischen Ödems ist mit MLD und leichter Kompression möglich. Die Abflussbehandlung ist bei der MLD-Therapie nur ganz kurz durchzuführen. Die Kompression darf nicht fest sein, da sonst die arterielle Durchblutung verschlechtert werden könnte. Andererseits ist es ohne Kompression nicht möglich, die Ödematisierung zu reduzieren. Die Ödemabnahme ist aber erforderlich, um durch Verkürzung der Diffusionsstrecke (Distanz zwischen Kapillaren und Zellen) im Interstitium die Nährstoffversorgung der Gewebszellen so zu verbessern, dass ein Weiterschreiten der Nekrose verhindert wird oder eine Besserung der Gangrän oder der Ulzeration möglich ist, und um Komplikationen zu verhindern. Sicherlich ist in vielen Fällen eine Gangrän- oder Nekroseabheilung nicht möglich. Wird jedoch durch die Physikalische Ödemtherapie eine Amputation hinausgeschoben oder sogar verhindert, ist dies schon als ein positives Therapieergebnis anzusehen, da eine Amputation die Lebensqualität verschlechtert und Pflegebedürftigkeit bedeuten kann. (nach „Ödeme und Lymphdrainage“, Dr. Ulrich Herpertz, 6. Auflage, 2020)